5 Fragen an: Gertraud Fischer - Heilpraktikerin für Psychotherapie

Gertraud Fischer, 60 Jahre, erkrankte mit 18 Jahren an einer Ess-Störung. Sie entdeckte auf Ihrem Weg aus der Ess-Störung ihre Kreativität und  ihre Hochsensibilität. Beides  sind   wichtige „Werkzeuge“ in ihrem Beruf als  Heilpraktikerin für Psychotherapie (Tanz- und Ausdruckstherapie).

 

Sind Hochsensible deiner Meinung nach suchtgefährdeter als andere?

 

Das kann ich so allgemein nicht sagen. Sofern ich als Kind in einem förderlichen Umfeld aufwachse, in dem ich erkannt werde und meine Persönlichkeit nicht verbogen, sondern gestärkt wird und sich entfalten kann, glaube ich, dass die Gefahr einer Suchterkrankung nicht groß ist.

 

Es kommen möglicherweise suchtfördernde Faktoren dazu, wenn die Sensitivität nicht erkannt oder zusätzlich strapaziert wurde, wenn Grenzen überschritten und Persönlichkeitsanteile abgespalten, traumatische Erfahrungen gemacht wurden, unklare Familienverhältnisse das Leben erschwerten oder übergroße Spannungen das  Familiensystem belasteten.  Dadurch werden die Sinne geschärft, um die Situation kontrollieren zu können. Extrem anstrengend … - das bindet auch Kraft für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

 

Es tut weh, getrennt von sich zu sein und sich verloren zu haben. Fühlt sich ein Mensch verloren, beginnt die Suche. Diese Suche drückt sich unterschiedlich aus - ob in Drogensucht, Konsumsucht, Ess-Störung, Sportsucht, Depression oder Coabhängigkeit.

Als ich nach vielen Jahren Therapie und einem Klinikaufenthalt etwas über Hochsensibilität las, ist bei mir  auf allen Ebenen eine große Spannung abgefallen. Ich verstand auf einmal vieles, das mir während meiner Erkrankung widerfuhr. Ich hätte mir schon während meiner langen Therapiezeit gewünscht, jemand würde mich darauf aufmerksam machen, dass ich hinsichtlich meiner Wahrnehmung und meiner Bedürfnisse sensibler reagiere als viele Menschen in meinem Umfeld.


Immer wieder zweifelte ich an mir, weil ich glaubte, es stimmt was nicht mit mir. Ich hatte andere Bedürfnisse als mein Umfeld und meine Familie und … ich nahm mich nicht ernst, meine Familie nahm mich nicht ernst, übersah mich, ich funktionierte und entfernte mich letztendlich von mir selbst. 

 

Ich zweifelte an meiner Person und meiner Daseinsberechtigung, litt dadurch  und betäubte dieses Leiden… an meinem Leben änderte sich nichts, außer dass die Suchtspirale stärker wurde. Ich fühlte mich unverstanden, war sehr empfindlich. Meine Seelenhaut wurde immer dünner, ich fuhr meine Stacheln sofort aus, weil ich so schnell Gefahr fühlte und witterte.  Aus dieser manchmal auch vermeintlichen und erwarteten Angst wehrte ich Kontakte ab. Ich fühlte mich sehr ausgeliefert und innerlich vollkommen leer.


Mit essen und essen und brechen und Alkohol versuchte ich diese Leere zu füllen… solange bis ich mich fürs Leben entscheiden musste und ich es auch tat. Meine sehr feine sensitive Ader, glaube ich, war nicht wirklich Auslöser der Suchterkrankung, sondern Auslöser waren frühkindliche traumatische Erlebnisse.

Mein Leben lerne ich jeden Tag neu kennen, als Mensch mit besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen. In meiner Praxis, sind der Großteil meiner Klientinnen hochsensibel – eine Herausforderung und zugleich eine Ressource, um  Selbstliebe und Selbstfürsorge zu erlernen. Diese  Betrachtung ist nicht umfassend und aus meiner eigenen Erfahrung entstanden. Es gibt sicherlich noch eine Menge anderer Sichtweisen.

Sind Ess-Störungen besonders typisch?

Menschen mit Ess-Störungen haben Suchtstrukturen und zeigen zwanghaftes Verhalten weil ihnen das Vertrauen in das Leben und sich selbst fehlt. Sie sind auf der Suche. Ihr Körper zeigt im Symptom worum es geht.

 

 

Hier einige Beispiele  in sehr vereinfachter Betrachtung:

Bei der Ess-Sucht  ist die Sensitivität meist abgepuffert, um nicht noch mehr verletzt zu werden (abwertende Äußerungen, Blicke usw.). Probleme werden geschluckt. Beim Abnehmen tauchen dann oft emotionale Verletzungen unter der Schutzschicht, die schmilzt, auf. Da ist es wichtig Selbstfürsorge und Mitgefühl mit sich selbst zu erlernen und Schmerzbewältigung auf andere Weise wie durch Essen. Kommunikation und Konfliktbewältigung im Inneren und im Außen ist großes Thema, eigentlich auch wie bei allen anderen Suchterkrankungen.

Bei der Bulimie sind die eigenen Bedürfnisse ebenfalls  nicht klar. Der Mensch nährt sich mit,  für ihn unbekömmlicher Nahrung in großen Mengen und erbricht dann. Es ist ein vermeintliches  Wegmachen des in ihm innewohnenden  Schmerzes und einer großen Leere, emotional und auf der Seelenebene. Nichtwissend, was ihm wirklich gut tut. Auch hier ist wieder Selbstliebe und Selbstfürsorge, Schmerzbewältigung und vieles mehr zu erlernen. Was nährt mich auf allen Ebenen gut. Das zu lernen ist ungewohnt, weil in der Kindheit diese Erfahrungen gefehlt haben.

Bei der Anorexie  ist das Thema nicht im Leben, im Körper (männlichen oder weiblichen Körper) sein zu wollen. Mit diesem Körper, in dem oft sehr unangenehme Gefühle gespeichert sind.


Bewohnt der Mensch seinen Köper wieder, muss er sich auch mit seinen Gefühlen auseinandersetzen und das tut oft nochmals weh. Dieser Schmerz ist aber die Basis für Veränderung und kann, achtsam begleitet, sich wandeln.
Der Schmerz, den es jetzt zu bearbeiten, zu betrauern, zu bemuttern gilt, braucht ein Gegenüber das schützt, bemuttert, befürsorgt und  Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung. Zuerst durch einen Therapeuten, dann tritt das eigene erwachsene Ich zum Vorschein und darf  in liebevoller Selbstfürsorge darum sorgen, dass zum Beispiel Grenzen nicht verletzt werden, eigene Bedürfnisse und Fähigkeiten erkannt werden und gelebt werden.

Es braucht ein verständnisvolles, achtsames  vertrauensvolles Umfeld, um in diesen Heilungsprozess zu gehen. Meist sind meine Klientinnen sehr kreativ, können ihr Erleben, das nicht in Worte zu fassen ist, über Bilder, Klänge, Stimme oder Bewegung ausdrücken.
 
Erschwerend und sehr anstrengend  im Leben mit  sehr feiner  Sensibilität ist eine  große Triggergefahr, wenn in der Lebensgeschichte Trauma im Spiel war. Im Gesundungsprozess werden die Trigger weniger, die innere Stärke wächst, die Kreativität und die feine sensible Wahrnehmungsfähigkeit ist dann wertvoller  Seismograph für die eignen Bedürfnisse…. und  wenn es ums Essen geht, kann leider das Suchtmittel nicht weggelassen werden, deshalb ist der  Schlüssel wieder fühlen zu lernen wie ein Kind das tut und mit den Gefühle konstruktiv, erwachsen  umgehen zu lernen (siehe Selbsthilfegruppe Herzenshunger).

 

Nähren.... unser Innerstes weiß, wie das geht... - hier einige Gedanken aufgrund meiner eigenen Erfahrungen

 

Essen...
essen wie ein Kind
schmecken und genießen,
spüren, was möchte ich,
spüren, was brauche ich,
spüren, was nährt mich,

vertrauensvoll
das zu mir nehmen,
was mir gut tut.

Der Intuition vertrauen

 

Liebevoll genährte Kinder überlegen nicht, was ihnen gut tut. Kinder essen lustvoll, wenn sie das bekommen, was sie brauchen, freuen sich erwartungsvoll auf das Essen. Ihnen läuft das Wasser im Mund zusammen. Wenn sie das bekommen, was ihrem Körper und ihrer Seele gut tut, sind sie zufrieden. Sie spüren, wann und wenn sie Hunger haben
und äußern ihre Bedürfnisse, was ihnen nicht schmeckt und bekommt, lehnen sie ab.

 

Wenn sie gehört und gesehen werden, mit dem was sie brauchen, werden sie ihren Bedürfnissen vertrauen und ihren eigenen Bedürfnissen folgen… auch als Erwachsene. Körperlicher Hunger wird mit Nahrung gestillt: bei emotionalen Bedürfnissen braucht es Zuwendung, bei geistigem Hunger braucht es die entsprechenden Anregungen.

 

Hat Mensch aus irgendwelchen Gründen nicht bekommen, was ihm gut tat, und konnte als Kind das Vertrauen
in eine gute liebevolle Fürsorge nicht aufbauen, darf und kann das der erwachsene Mensch wieder lernen,

denn die Fähigkeit ist in uns angelegt, wir haben diese Fähigkeit mitgebracht. Jetzt ist es an der Zeit sich wieder zu erinnern: Nicht nur, weil unser Körper darunter leidet, dass wir uns nicht richtig versorgen können, es ist unser ganzes Menschsein, das leidet.

Die Symptome einer Essstörung können Wegweiser sein...
um sich kennenzulernen

  • hin zur Selbstliebe,
  • hin zu liebevoller Selbstfürsorge,
  • hin zu dem, was die Seele wirklich braucht...
  • hin zu dem, was den Körper wirklich nährt
  • unabhängig von irgendwelchen Diäten und Modeströmungen,
  • indem du die Verantwortung für dich und dein Wohlbefinden selbst übernimmst.

Die Entdeckungsreise zu dir selbst lohnt sich.

 

Was empfiehlst du, damit es gar nicht so weit kommen kann?

 

Wie schon gesagt, brauchen Kinder von Geburt an ein behütendes und stärkendes Umfeld, das sie annimmt, wie sie sind. In Kindergärten und Schulen eine persönlichkeitsfördernde und stärkende Atmosphäre in annehmender Haltung, genügend wohlwollende Bezugspersonen, positive Vorbilder, die möglichst klar in ihrer Wahrnehmung sind, ein Feld der Achtsamkeit schaffen, Herausforderungen anbieten und Hilfestellung dazu, um sie zu meistern. Im Bereich Ernährung Sinnesschulung und Körperwahrnehmung, genügend Raum für Kreativität und Selbstausdruck, Bewegung… Entwicklungsgemäße Anforderungen oder Raum für Individualität.

 

Die Persönlichkeit nicht überfordern, verbiegen oder einem übergroßen Leistungsdruck aussetzen, die individuellen Entwicklungsfenster beachten und Entwicklung aus der Persönlichkeit selbst entstehen lassen. Alles andere hat den Beigeschmack von Dressur und entfernt die Menschen von ihrem wahren Wesen… dann beginnt die Suche nach dem Ruf der Seele!


Was bietest  du diesbezüglich an?

 

Es ist meine eigene Betroffenheit und mein Weg aus der Erkrankung, womit ich Mut machen möchte. Aufklärende Vorträge, wie zum Beispiel: Ess-Störungen - wie geht es den Geschwistern, Familiengeheimnis Sucht und anderes,
Präventionseinheiten in Schulen zum Thema Ess-Störung, Körperwahrnehmung, Schönheitsideal…

  • Angehörigenkurse von Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen  Kurse für Jugendliche und Erwachsene  im Bereich Körperwahrnehmung, Achtsamkeit, kreativer Ausdruck, gesunder Umgang mit Gefühlen, was nährt mich  im emotionalen, körperlichen und seelischen Bereich, Kommunikation der Bedürfnisse, Umgang mit Konflikten usw.
  • Ernährungscoaching ganzheitlich –kreativ, individuell
  • Ausstellungen meiner eigenen Bilder und Texte 


KreativZeit, einfach Abtanzen und Herzenshunger, das sind drei Begriffe, die mir auf deiner Homepage ins Auge gesprungen sind. Kannst du kurz erklären, was das ist?

Ich beginn mal mit Herzenshunger: das ist eine angeleitete Selbsthilfegruppe bei Ess-Störungen, im Augenblick symptomgemischt… mit dem Focus auf Persönlichkeitsstärkung, Körperbildarbeit, Selbstvertrauen, Selbstfürsorge auf ganzheitlicher Ebene.


Einfach abtanzen: da kann jeder seine Musik mitbringen und ich stell meinen großen Praxisraum  zur Verfügung um einfach den eigenen Gefühlen bei Tanz und Musik freien  lauf zu lassen und um nette Leute kennenzulernen. Manchmal tanzen wir auch zu Musik von Gabrielle Roth… die 5 Rhythmen, einfach so wie sich das ergibt.

 

KreativZeit: Für Leute, die ambulant in der Gruppe, oder einzeln körperorientierte kreative Therapie  suchen, z.B. bei Depression, psychosomatischen Beschwerden, Ess-Störungen usw.

Als Coaching   für Frauen und Männer zur Verbesserung Lebensgestaltung und Selbstfindung,
um ihr kreatives Potential zu entfalten, in ihr schöpferischer Tun zu kommen,  ihren inneren Künstler zu entdecken und zu erforschen, ihre Selbstwirksamkeit zu entfalten, ihrem Innern Kind Ausdruck verleihen möchten, um ihr Leben aktiv zu gestalten, zu verändern und um die Lebensqualität zu verbessern.

 

KreativZeit ist beinhaltet heilendes, bzw. intuitives Malen und/oder kreativen Tanz.
Hinführend dazu gibt es eine Körperreise, Imagination oder eine bewegte Meditation, um z.B. mit dem Inneren Kind, blockierten Energien oder auch Schmerzen im Körper Kontakt aufzunehmen.
Im nächsten Schritt darf sich dann im kreativen Ausdruck (Malen, Bewegung oder Stimme) das Erspürte ohne Worte ausdrücken.
Meist ein sehr befreiendes Gefühl, Erkenntnisse werden gewonnen und neue Lebensräume entstehen,  die körperliche und seelische Selbstheilung wird aktiviert. Eine sehr persönliche und selbstbestimmte Möglichkeit der eigenen „Ent – wicklung“.

 

Gertraud Fischer ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Tanz-und Ausdruckstherapeutin

 

Mehr unter: www.kreative-therapie-hof.de

 

 

Mein Herz


geborgen und ruhig


mit besänftigender Fürsorge


dem Wandel vertrauen


mich weiten


und das Wunder des Neubeginns erwarten


umgeben von Liebe und Vertrauen


eingebettet im Feld der unendlichen Weisheit.

 

 

 

Bild und Text
Gertraud Fischer

Bild:
Pastellkreide
77x54 cm

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Kommentare: 2
  • #1

    Claire, Clarissa M. Seite (Sonntag, 11 Februar 2018 11:09)

    LebensHunger ~ LebenTanz ~ AusDruck verLeihen...

    Du bist groß-artig wie DU bist ...

    Love you <3

    Danke an Gertraud Fischer für diesen eindrucksvollen SeelenDialog!!

  • #2

    Edith Sabrina Spies (Dienstag, 13 Februar 2018 18:05)

    War sehr interessant zu lesen.....macht Lust wieder mitzutanzen die eigene Kreativität zu erleben.......ich kann es nur empfehlen...habe bei Gertraud in dem wunderbaren Raum mitgetanzt, gemalt, mich gespürt, tat unwahrscheinlich gut. Gertraud hat mich auf ein ser liebe volle Weise begleitet.

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