Schaff dir Inseln der Ruhe

Katja Keßler ist eine typische vielbegabte Scannerin, die ihre Berufung zum Beruf gemacht hat. Inzwischen coacht sie auch andere Künstlerseelen, damit sie ihre Balance zwischen Unter- und Überforderung finden und hochsensibel im Kulturzirkus überleben können.

 

Katja, könntest du kurz umreißen, wie dein Leben bisher verlaufen ist und was du so alles gemacht hast? Wolltest du schon immer Schauspielerin werden?

 

Mein Leben ist bisher sehr abwechslungsreich verlaufen, vor allem aber kreativ - weil ich schon immer eine sensible Künstlerseele war. Ich bin schon auf dem Gymnasium mit dem Schauspiel in Verbindung geraten, und die Theater AG hat in mir schließlich das Feuer so zum Lodern gebracht, dass ich wusste, ich möchte das gerne professionell und beruflich machen. Gegen alle Stimmen in meiner Familie, dass man damit ja kein Brot verdienen würde, war das einfach meine Berufung. Sofort nach dem Abi bin ich gleich auf eine Schauspielschule, war aber damals meines Erachtens noch viel zu jung war, um zu begreifen, was das genau bedeutet.

 

Da ich schon immer ein komisches Talent hatte, führte mein Weg in die Comedy-Szene, wo ich den Stand-up-Comedian Sebastian Schnoy kennenlernte und  mit dem ich verschiedene Bereiche im Comedy-Bereich ausprobierte: von Sketch-Comedy über Shows bis Stand-up-Comedy. In Letzterer fand aber nicht meine Erfüllung, weshalb ich davon schnell wieder abließ. Es war schon immer so, dass ich das Rollenspiel mochte, mit Spiel und Stimme einen Charakter zu kreieren und mit Leben zu füllen.

 

Nach zu viel Comedy, „großem Spiel“ und jeder Menge Schubladendenken wollte ich unbedingt mein Kameraspiel professionell ausbilden: von zu affektierten, großen Gesten hin zu kleinem minimalistischem Spiel, das man vor der Kamera braucht. Gefühle unter die Lupe nehmen und ganz natürlich „spielen“ - die Rolle sein, das war mein Ziel. Diese Film-Acting-Ausbildung dauerte ein Jahr - ein intensives Jahr, da gleichzeitig auch viele unvorhergesehene Dinge in meinem Privatleben passierten, was mich ganz schön umwarf und mich zwang, mich mit mir selbst zu beschäftigten.

Ich suchte professionelle psychologische Hilfe, und diese Zeit dort half mir, mir bewusst zu werden, wie ich mit mir selbst umging - nämlich alles andere als liebevoll und geduldig. Ich habe viel gelernt und mich danach auch selbst besser verstanden, auch angefangen, mich mehr abzugrenzen.

 

Da ich aber schauspielerisch noch keinen Abschluss hatte, der mir sehr wichtig war, habe ich dann schließlich noch eine weitere Schauspielausbildung absolviert, in der ich viel Theater spielen konnte und auf den Probenalltag und Theaterwahnsinn vorbereitet wurde. Vor allem habe ich dort aber meine Bühnenreife erlangt, das Diplom für Schauspieler, das man unbedingt braucht. Danach und auch schon währenddessen habe ich immer wieder in Theaterprojekten gespielt - sei es in Open-Air-Produktionen, bei Führungen et cetera. Gespielt und damit Geld verdient habe ich immer, wenn es möglich war.

 

Mich reizte es schon als kleines Kind zu schauspielern - entweder habe ich vor meinen Puppen gespielt oder Werbespots aufgenommen. Mich mit Spiel und Stimme auszudrücken, gehörte seit ich denken kann zu meinen Leidenschaften und ist es über die Jahre geblieben. Wobei ich mittlerweile auch viel als Sprecherin arbeite. Ich habe mittlerweile mein eigenes kleines Studio, wo ich selbst aufnehmen kann, und  es macht mir großen Spaß, weil auch immer mehr Jobs reinkommen.

 

 

Seit wann oder warum weißt du, dass du hochsensibel bist?

 

Sehr sensibel war ich mein Leben lang - und vor allem sensibler als meine anderen Klassenkameradinnen oder Schulfreunde. Ich habe das immer gemerkt. Habe immer viel aufgeschrieben, wie es mir geht, und auch immer viel mehr wahrgenommen, als andere, was mich früher sehr belastet hat. Ich wollte nicht so viel wahrnehmen, aber tat es eben. So war es auch schon immer so, dass ich die Freundin war, die um Rat gebeten wurde, wenn es galt, Situationen einzuschätzen, Menschen oder Beziehungen, und das setzte sich fort, je älter ich wurde – sei es als Schulkind, als Teenager oder angehende Erwachsene. Es blieb und ist bis heute so, dass ich immer die war, die gefragt wurde, wie ich was einschätze, seien es Beziehungskonstrukte oder Situationen, Familienauseinandersetzungen meiner Freunde und vieles mehr.

 

Nur zu dem Zeitpunkt habe ich noch nicht verstanden, dass mir das selbst auch Energie raubt, wenn ich dem keine Grenzen setze. Ich erinnere mich noch sehr genau an ein Telefonat mit einer Freundin, die tatsächlich zwei Stunden am Telefon meinen Rat suchte. In detailliertester Form, wie wir HSPs nun mal alles aufnehmen und durchgehen, ging ich auf sie ein und half ihr. Sie bedankte sich danach und sagte scherzhaft, dass ich ja ihre Psychologin sei, worüber ich mit lachte. Aber erst nachdem ich aufgelegt hatte, merkte ich, wie ausgelaugt und erschöpft ich war. Ich sah aber keinen Zusammenhang mit dem Telefonat…

 

Wirklich gemerkt, dass ich hochsensibel bin, habe ich nach der Produktion meines Solostückes 2013. Das war ein großer Ritt und so heftig anstrengend, dass ich nachdem das Stück und die Aufführungen vorbei waren, wie tot in meinem Bett lag und nichts mehr fühlte - vor lauter Erschöpfung. Ich fuhr mit meiner Familie ans Meer und sprach die ganze Fahrt kein Wort. Erst nach und nach, mit dem Blick auf das Meer und die Weite kam ich langsam wieder zu mir und in meine Kraft. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich in einer Zeitschrift auf das Thema „Hochsensibilität“ stieß und mich mit dem Thema näher beschäftigte. Ich machte den HSP-Test, den die Pionierin Elaine N. Aron in ihrem Buch vorstellt und den es auch online gibt. Da ich in  dem Test fast alle Fragen mit Ja beantwortet habe, hatte ich dadurch die  echte Bestätigung, dass ich hochsensibel bin.

 

Plötzlich machte alles einen Sinn: warum ich mich nach einer Nacht Durchmachen krank fühlte, warum ich Promotionjobs auf Messen so megaanstrengend fand, dass ich danach krank wurde, warum ich es brauche, mich nach viel Zeit mit vielen Menschen und Reizen abzuschotten und Dunkelheit und Ruhe genieße. Und vieles mehr.  

 

Hochsensibel und trotzdem exponiert auf der Bühne oder bei Dreharbeiten, passt das zusammen?

 

Ob das zusammenpasst, weiß ich nicht, aber Fakt ist, dass 30 Prozent der Hochsensiblen extrovertiert und oft auch Künstler sind. Ich mag das Bad in der Menge, wenn ich live spiele oder auftrete. Ich bin sowieso ein sehr kommunikativer Typ und habe Spaß, vor Publikum aufzutreten und die Energie zu spüren. Bei Dreharbeiten mag ich die Atmosphäre am Set, mit den Kollegen und dem Team eine gute Szene zu erschaffen. Aber seitdem ich weiß, dass ich „sensibler“ bin als „Normalsensible“ achte ich mehr auf den Ausgleich. Ich brauche danach Ruhephasen, ich meditiere oft, und  ich liebe es nach wie vor, an die See zu fahren und den Blick in die Weite schweifen zu lassen. Genau das rate ich auch meinen Coachies. Wirklich bei dir zu sein und zu gucken, möchte ich das wirklich und vor allem dir Auszeiten und Ruheinseln zu schaffen.

  

Was rätst du als Coach hochsensiblen Künstlern, damit sie sich nicht überfordern?

 

Durch die vielen Reize, die wir Hochsensiblen verarbeiten müssen, haben wir sehr häufig viel Adrenalin und auch Cortisol im Blut - das sind jene Stresshormone, die Sorgen, Ängste, Schlaflosigkeit, hohen Blutdruck et cetera fördern.

Sobald aber Glückshormone (Serotonin, Dopamin…) etwa durch Lachen, Lächeln, Bewegung, frische Luft und neue, freudvolle Erlebnisse, ausgeschüttet werden, werden diese Stresshormone abgebaut. Das ist für uns Hochsensible sehr wichtig. Darum rate ich meinen Coachies immer wieder, sich anzugewöhnen, freudvolle Dinge zu machen, die einen zum Lachen oder Lächeln bringen. Was heißt: mach so oft es geht, was dir gut tut. Umgib dich mit Menschen, die dir gut tun, bei denen du du sein kannst, vor denen du laut denken kannst, mit denen du Spaß hast.

 

Und weil wir hochsensiblen Menschen oftmals mehr Stress empfinden wegen allem „zu viel“ müssen wir unbedingt Ausgleich schaffen: am besten jeden Tag Meditationen oder eine halbe Stunde sogenannte Me-Time einschieben. Das Handy, den Fernseher, das Radio und andere Menschen öfters komplett ausmachen, beziehungsweise ausblenden: Zeitinseln schaffen, in denen keine äußeren Reize auf dich einwirken, sondern nur du mit dir selbst sein kannst. Diese Ruhe-Oasen sind so wichtig, um in deiner Kraft zu bleiben. Und um belastbarer zu werden, tu das, was dir gut tut, so oft es geht. Triff dich mit Freunden, Kollegen, die dir gut tun, höre Musik, die du magst, mach was Kreatives, was dich erfüllt.

 

Überhaupt bin ich der festen Überzeugung, dass jeder etwas Kreatives machen sollte, um weg vom Kopf in den Flow zu kommen. Sport und Bewegung funktionieren natürlich auch, aber ich finde, etwas Kreatives zu schaffen, egal auf welchem Gebiet, kann diesen magischen Zustand der Erfüllung bewirken - des Erfülltseins. Aber ebenso wichtig wie etwas für sich zu schaffen, ist es sich abzugrenzen, Nein zu sagen - zu Sachen und Menschen, die man nicht tun will oder die einem nicht gut tun. Denn jedes Nein zu anderen ist ein Ja zu sich selbst.

 

 

Glaubst du, dass Künstler wie zum Beispiel Whitney Houston oder Romy Schneider eigentlich schüchtern und hochsensibel waren und deshalb vielleicht am Leben verzweifelt sind?

 

Bei den beiden weiß ich es nicht, aber sicher ist, dass viele Künstler hochsensibel sind oder waren, zum Beispiel Oprah Winfrey, Sheryl Crow oder Wagner. Ich kenne aber viele Künstlerkollegen, die hochsensible Züge haben, und auch wenn nicht, fallen viele nach der Show und dem Scheinwerferlicht, wenn alles vorbei ist, in ein Loch und kennen depressive Phasen, die übrigens auch ganz typisch für hochsensible Menschen sind Sie kommen mit den Erschöpfungszuständen nicht klar oder wissen nicht, dass sie hochsensibel sind und über ihre Grenzen leben.

 

Was magst du lieber? Coach sein oder als Künstlerin tätig sein?

 

Das ist eine schwierige Frage, weil ich beides sehr gern tue. Ich bin aber vor allem Künstlerin, das heißt ich brauche es, kreativ zu arbeiten und  so lange das geht, werde ich das auch tun.

 

 

 

Als Coach liebe ich es aber, Menschen mit einem besseren Gefühl gehen zu lassen, dass sie danach liebevoller mit sich selbst umgehen und vor allem mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft auf „Hochsensibilität“ lenken zu können. Viel zu viele in unserer Gesellschaft wissen gar nicht, dass es das gibt und was das ist. Ich möchte gerne helfen, die Menschen mehr aufzuklären, dass das keine Krankheit ist und dass es eben solche Wesenszüge gibt. Je mehr wir alle wissen, wie wir ticken, desto  besser können wir uns selbst verstehen, annehmen und wertschätzen. Und somit auch mit Sicherheit Depressionen und Burn-Outs besser verhindern  oder ihnen vorbeugen. Ich lerne selbst ja noch so viel über diesen Wesenszug, und ich finde: gemeinsam sind wir Sensiblen stärker.

 

Mehr von und über Katja Keßler auf ihrer Homepage unter www.katjakessler.de, auf Facebook und Instagram.


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