Verstecken gilt nicht!

"Verstecken gilt nicht! Wie man als Schüchterner die Welt erobert" (kailash) heißt das Buch von Melina Royer, die seit 2014 den Business Blog Vanilla Mind betreibt. Die Autorin dieses auch haptisch sehr schön gestalteten Ratgebers litt in ihrer Kindheit und Jugend unter ihrer extremen Schüchternheit, was darin gipfelte, dass sie kurz vor dem Abitur die Schule verließ, weil sie schlicht und einfach zu viel Angst vor den Lehrern und dem ganzen System hatte.

 

Ihre eigene Schüchternheit schildert sie sehr anschaulich im ersten Drittel des Buchs: "Allein die Aussicht, mit mehr als zwei fremden Leuten in einem Raum zu sitzen, macht, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen. (...) In einer Art Dauerschleife kreisen dann nur noch diese Fragen in meinem Kopf herum: Was denken die Leute von mir? Wie sehe ich gerade aus? Mache ich mich gerade total lächerlich?, Was ist, wenn ich etwas Falsches sage?" Melina Royer ist zudem noch introvertiert und hochsensibel, was die Sache nicht gerade einfacher für sie machte. Im Interview spricht sie ganz offen über die Entstehungsgeschichte des Buches und ihre eigene Entwicklung.

 

Wann hast du als Kind zum ersten Mal unter deiner Schüchternheit gelitten? Wann hast du erkannt, dass du schüchtern bist?

 

Als ich in die Schule kam, fiel mir auf, dass die meisten Kinder wesentlich offener, lebhaft und kontaktfreudiger waren als ich. Das zog sich natürlich bis ins Teenie-Alter und ich dachte irgendwann, mit mir stimme etwas grundsätzlich nicht. Ich habe mich viel mit anderen verglichen und irgendwie versucht, mehr zu sein wie andere in meinem Alter. Aber was deren Naturell entsprach und total leicht aussah, gelang mir überhaupt nicht: Auf Leute zuzugehen, sich zu einer Gruppe dazuzustellen, vor anderen seine Meinung sagen und so weiter.

 

Natürlich haben andere mich irgendwann darauf „hingewiesen“, dass mein Problem die Schüchternheit ist. „Jetzt sei doch nicht so schüchtern – trau dich doch mal, du kannst das…“ das sind so typische Sätze, die dann jeder irgendwann vor den Latz geknallt bekommt.

 

Fühltest du dich schon immer anders als die anderen?

 

Ja, schon. Ich habe schon immer viel gegrübelt, meine Umwelt beobachtet und extrem sensibel auf Veränderungen und Herausforderungen reagiert. Ich bin schüchtern, introvertiert und hochsensibel, da kommt einiges zusammen. Aber statt zu erkennen, wie ich mein Potenzial nutzen kann, habe ich mich für nicht okay oder sogar „krank“ gehalten.

 

Das ist mir auch besonders wichtig bei meinem Buch: Es geht nicht darum, dass wir uns verändern sollen. Schüchterne sind tolle Persönlichkeiten und haben viele Talente. Vielmehr geht es darum sich zu öffnen, zu zeigen, was für eine liebenswerte, interessante Person hinter der schüchternen Fassade steckt und sich zu trauen, einfach man selbst zu sein. Ich möchte nicht mit erhobenem Zeigefinger dastehen und Vorschriften machen. Ich möchte eher eine Freundin sein, die einem den nötigen Schubs verpasst, um sich aus dem Schneckenhaus zu trauen. Aber es enthält auch Erfahrungen von 7 weiteren Frauen – um aufzuzeigen, wie verbreitet Selbstzweifel sind und wie unterschiedlich man mit seinen Problemen umgehen kann.

 

Denkst du, dass alle Schüchternen auch hochsensibel sind?

 

Das weiß ich nicht, dazu fehlt mir das psychologische Fachwissen. Aber ich glaube schon, dass hier Schnittmengen gibt. Für beides soll es ja auch eine genetische Veranlagung geben.

 

Was war der Punkt, an dem du gedacht hast: Ich mag nicht mehr, ich will mich ändern, keine Angst mehr haben...

 

Da gab es sicherlich nicht nur den einen. Ich war permanent tief unzufrieden mit mir und hatte phasenweise einen richtigen Selbsthass. Ein Ereignis macht mein damaliges Problem aber sehr plastisch: Ich habe während der 13. Klasse das Gymnasium abgebrochen – ganz kurz vorm Abitur. Ich hatte schlichtweg Angst zur Schule zu gehen: Meine Angst anders zu sein und deshalb von Lehrern und Schülern bloßgestellt zu werden, war übermächtig. Wenn man nichts dagegen unternimmt, geht es aber genauso weiter: In Gesprächen mit Fremden konnte ich mein Gegenüber kaum ansehen. Im Job war ich zu ängstlich, überhaut das Telefon in die Hand zu nehmen und wenn ich Bekannte im Supermarkt traf, versteckte ich mich manchmal im nächsten Gang, weil ich keine Ahnung hatte, was ich sagen soll.

 

Ist es immer noch so, dass du dich schriftlich besser als mündlich ausdrücken kannst?

 

 

Ja, mitunter schon. Das Schreiben ersetzt das Reden selbstverständlich nicht! Das würde ich niemals so propagieren wollen. Aber es hilft zunächst dabei, sich mitzuteilen, seine eigenen Gedanken zu sortieren und zu reflektieren. Man gewinnt dabei Klarheit und das leistet im Alltag einen großen Beitrag dazu, sich freier zu fühlen und anderen zu sagen, was man wirklich denkt und wofür man einsteht.

 

Abgesehen davon, macht es mir einfach großen Spaß für Vanilla Mind zu schreiben. Was ich beim Schreiben auf alle Fälle als Vorteil empfinde ist, dass man Dinge besser auf den Punkt bringen kann, weil man länger darüber nachdenken kann, was der Take-away für mein Gegenüber sein soll.

 

Bist du jetzt zufrieden mit deinem Leben?

 

Freiheit beginnt im eigenen Kopf, das weiß ich jetzt und das ist auf alle Fälle ein ganz besonderes Gefühl! Mir ist jetzt bewusst, dass Ängste zwar normal sind, aber dass ich sie selbst kontrollieren kann. Es ist meine Entscheidung, wie sehr ich sie Einfluss auf mein Leben nehmen lasse. Ich kann nicht immer alle Umstände des Lebens beeinflussen oder vorhersehen, was als nächstes passiert. Aber meine Einstellung kann ich beeinflussen und das ist das wichtigste.

 

Du gibst sehr viele nützliche praktische Tipps in deinem Buch. Was ist am allerwichtigsten für Schüchterne, die raus wollen aus ihrem Schneckenhaus?

 

Da gibt es nicht die eine Sache, das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Aber 3 Dinge, die jedem helfen, an Selbstvertrauen zuzunehmen, sind diese:

 

1: Sport!

Jeder noch so kleine sportliche Erfolg schenkt Selbstvertrauen. Das heißt, beim Sport trainiert man nicht nur körperliche Stärke, sondern vor allem auch mentale Stärke! Ich liebe das Gefühl, vom Laufen zu kommen und zu merken, wie der ganzeStress des Tages von mir abfällt und ich wieder mehr Distanz zu meinen ganzen Alltagssorgen bekomme.

 

2: Affirmationen

„Ich werde das schaffen und an dieser Herausforderung wachsen." Sprache ist sehr mächtig und wie man mit sich selbst redet, ist entscheidend dafür, wie wir uns fühlen. Das passiert nicht über Nacht, man muss sich selbst gut beobachten und bewusst gegen negative Gedanken angehen.

 

 

 

 

3: Unterstützung suchen

Jeder braucht Menschen, die sagen, „komm versuch es nochmal, bald wirst du sicherer werden“. Mein bester Freund und Impulsgeber ist mein Mann. Je mehr ich mich öffne und über meine eigenen Eindrücke rede, desto stärker fällt mir auch, dass mein Umfeld nicht halb so negativ über mich denkt wie ich. Dieser Realitätsabgleich ist sehr wichtig, damit man nicht in seiner negativen Gedankenwelt verweilt.

 

Findest du, dass es gute und schlechte Berufe für Schüchterne, beziehungsweise Hochsensible gibt?

 

Ich möchte mir nicht anmaßen, über die persönlichen Vorlieben anderer zu mutmaßen. Ich glaube schon, dass viele Hochsensible in kreativen Berufen anzutreffen sind, aber warum soll man nicht jeden Job machen können, der einen interessiert? Ich glaube, wenn man bereit ist, an sich zu arbeiten, kann man auch in Berufen erfolgreich sein, von denen viele denken, dass sie eher vermeintlich extrovertierten Menschen vorbehalten sind. Wenn man etwas wirklich möchte, dann packt man es auch. Und Schattenseiten hat ohnehin jeder Beruf; Perfektion gibt es nicht.

 

Bist du inzwischen gern unter Menschen oder meidest du Aufläufe immer noch?

 

Haha, guter Witz! Nein, ich mag absolut keine großen Menschenmengen. Das hat aber nichts mit meiner Schüchternheit zu tun, Introvertierte bevorzugen einfach den Austausch in einer kleineren Runde, wo sie sich besser auf Einzelne konzentrieren können. Ich gehe ab und zu natürlich schon auf große Events, aber dann brauche ich auch wieder eine ruhigere Phase. Und das ist vollkommen in Ordnung so. „Verstecken gilt nicht!“ heißt ja nicht, dass ich meine Grenzen und die eigene Veranlagung ignorieren soll – es soll zeigen: „Hey, du musst nicht mit deinen Ängsten alt werden, wenn du noch noch was vorhast im Leben!“ Ich bin sehr gerne unter Menschen und brauche den Austausch wie jeder andere auch. Nur eben in kleineren Runden.

 

Welche Rolle spielte und spielt dein Blog Vanilla Mind in deinem Leben?

 

Mein Glaubenssatz war immer: "Andere werden mich nicht wahrnehmen oder wegen meiner Probleme belächeln." Einer der Gründe, weshalb ich Ende 2014 Vanilla Mind gegründet habe, war es, mit diesem negativen Denkmuster zu brechen. Hat super funktioniert: Der Blog hat das Gegenteil bewiesen. Eine bestimmte Personengruppe schätzt es, dass ich offen bin und mein Wissen teile. Nicht jeder muss mich mögen, aber für eine kleine Gruppe Menschen zählt mein Wissen.

 

Mittlerweile ist Vanilla Mind kein Experiment mehr, sondern fester Bestandteil meines Arbeitsalltags. Vor allem möchte ich mit Vanilla Mind anderen eine Plattform geben, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Dabei bin ich außerdem nicht allein: Mein Mann, der ebenfalls introvertiert ist, und ich helfen mit Schritt-für-Schritt Anleitungen, sich selbst zu managen und fokussiert auf die eigenen Ziele hinzuarbeiten. Jeder kann Selbstvertrauen erlernen und seine Ängste beherrschen. Es ist eine persönliche Entscheidung.

 

Das Autorenfoto von Melina Royer ist von Lea Sander, alle anderen Fotos wurden mir von der Autorin zur Verfügung gestellt.

Melina Royer: Verstecken gilt nicht! Wie man als Schüchterner die Welt erobert (Kailash Verlag)

Eine Buchrezension findest du hier.

 

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